Achtsamkeit im Wald mit Shinrin Yoku

Waldspaziergänge oder ausgedehnte Wanderungen durch Wälder tun einfach gut und beleben Körper und Geist. Den Aufenhalt in einem Wald als Bad zu bezeichnen, das ist jedoch ein neues Phänomen und nennt sich Shinrin Yoku. Im Detail meint der Begriff den intensiven Kontakt des Menschen zur Atmosphäre des Waldes, das Eintauchen in die von zahlreichen Aromen durchsetzte, wohlriechende Waldluft. Freier übersetzt bedeutet Shinrin Yoku das „Einatmen der Wald-Atmosphäre“.

Modernes Stress-Management aus Japan

Für unsere Vorfahren war es selbstverständlich, in einem engen Kontakt zur Natur zu leben. Der moderne Mensch dagegen lebt in beengten Verhältnissen, in Räumen und Städten. Oft leiden wir deshalb unter Stress, innerer Unruhe oder Depressionen. 1982 regte die japanische Forstbehörde dazu an, mit Ausflügen in den Wald die Gesundheit zu verbessern. In mehreren Studien wurde herausgefunden, dass der Aufenthalt im Wald wie eine Aromatherapie wirkt und Stress nachweislich reduziert. Waldbaden senkt den Blutdruck, reguliert Atmung und Puls, fördert die Konzentration und stärkt das Immunsystem. Die moderne Stress-Management-Methode wird in Japan und Südkorea vom Gesundheitswesen unterstützt. 

Es geht um Interaktion: Der Biophilia-Effekt

Weshalb der Aufenthalt im Wald  guttut und vor Krebs schützen soll, versuchen Forscher herauszufinden. Einer der ersten war der Arzt Roger Ulrich. Er belegte in den 80er Jahren, dass Patienten schneller genesen, wenn sie beim Blick aus dem Krankenhausfenster Bäume sehen. Der Biologe Clemens Arvay schrieb kürzlich ein Buch über diesen sogenannten Biophilia-Effekt.

Pflanzen und Bäume kommunizieren miteinander. Sie stehen in Verbindung, warnen sich vor Angreifern und Schädlingen. Auch wenn wir Menschen das bezeiten vergessen: Wir sind ebenfalls Teil der Natur. Die Signale, die der Wald sendet, empfangen wir ebenfalls und unser Immunsystem reagiert darauf. Es wird aktiviert, mehr weiße Blutkörperchen – sogenannte Killerzellen – werden gebildet. Forscher von der Nippon Medical School haben statistisch untermauert, dass Waldspaziergänge vor Krebs schützen können. 

Das Immunsystem als Schlüssel zur Gesundheit

Laut Clemens Arvay befinden wir uns in einer Zeit des Umbruchs, in der uns klar wird, „wie sehr der Mensch mit seiner Umwelt verbunden und vernetzt ist. Wir sind längst dahintergekommen, dass es ein fataler Fehler war, den menschlichen Organismus aus Sicht der Wissenschaft als isoliert von seinem natürlichen Lebensraum und wie eine Maschine zu betrachten. Dieses Menschenbild steht vor dem Kollaps.“ Unter Wissenschaftlern wird das Immunsystem mittlerweile als Sinnesorgan wahrgenommen, das handelt und kommuniziert – das Immunsystem gilt als Schlüssel zur Gesundheit.

Die Interaktion zwischen dem kommunizierenden System des Menschen und des Waldes ist dermaßen erfolgreich, dass es seit 2012 in Japan einen Forschungszweig gibt, der sich Forest Medicine nennt, Waldmedizin. Mittlerweile beteiligen sich weltweit Wissenschaftler daran. Im Grunde beginnt die Forschung am Thema gerade erst. 

Was genau tue ich beim Waldbaden?

Hierzulande kannst du an vielen Orten unter fachkundiger Anleitung in die Atmosphäre des Waldes eintauchen. Zum Beispiel bei Annette Bernjus im Taunus. Sie war eine der ersten, die nicht nur Waldbaden, sondern auch Weiterbildungen in diesem Bereich anbot. Doch wozu brauchen wir eine Anleitung für das Draußensein? Laut Bernjus sei es für viele Menschen nicht einfach, sich dem Wald anzuvertrauen. „Da gibt es Ängste, sich alleine aufzumachen. Oder es langweilt, Bäume anzuschauen.“ Nicht zuletzt hindere auch der Drang, etwas tun oder leisten zu müssen daran, in einen engen Kontakt mit dem Wald zu gehen. „Aber so geht Shinrin Yoku nicht“, betont Bernjus. Vielmehr ginge es darum, sich im Wald aufzuhalten – ganz ohne Ziel.

An der Universität Rostock wird aktuell ein Ausbildungsstudiengang zum Waldtherapeuten entwickelt. Teil dieser naturnahen Therapie sind Spaziergänge, Atemübungen und Mediationen. Auf der Insel Usedom gibt es seit kurzem den ersten Heilwald Deutschlands.

Literatur

Clemens G. Arvay, Der Biophilia Effekt – Heilung aus dem Wald, Ullstein 2016, ISBN-13 9783548376592
Annette Bernjus, Waldwege
Kathleen Raschke-Maas, Waldbaden ist das neue Spazierengehen, WDR
Simone Melenk, Warum wir uns im Wald unter Bäumen so wohlfühlen, NRZ

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